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Wendefokus

Wir haben über Monate in zumeist sehr persönlichen Gesprächen nach der Lebenssituation und der Vorstellung von notwendiger Veränderung der Verhältnisse in der DDR gefragt. Zeitzeugen und Zeitzeuginnen berichteten über das Jahr 1989 und erzählten, wie sie die Zeit zwischen Mauerfall und “Wiedervereinigung” erlebt haben.

Sie erzählen von Bürgern, für die die alten Gesetze nicht mehr und die neuen noch nicht galten, von Freiräumen, die auch wieder verloren gegangen sind, vom Geist eines reformierbaren DDR-Sozialismus, von der Kluft zwischen individueller Erfahrung und kollektiver Erinnerung an die Zeit. Neben heute bekannten Persönlichkeiten Halles finden auch Personen Gehör, die sonst wenig zu Wort kommen und dennoch einiges zu erzählen haben.

Ergänzt werden die veröffentlichten Gespräche durch Analysen und Hintergrundberichte.

Wolfram Föhse flog von einer Spezialschule wegen „Wehrlagerverweigerung und Konfirmation“. Die Künstlerin Ulli Hamers gründete in Halle eine Wohnungsbesetzungszentrale, in der Interessierte Hinweise erhielten, wie sie in leerstehende Häuser einziehen könnten. Beim Punk Torsten Hahnel formierte sich eine stark distanzierte Haltung zum Staat, die durch das restriktive Auftreten der staatlichen Repräsentanten noch radikalisiert wurde. Götz Rubisch sendete Mitte der 70er Jahre kurzzeitig in Halle Piratenradio: Nicht ohne Konsequenzen. Alles war „zu preußisch, zu militaristisch und hatte mit meiner Idee des Sozialismus nichts zu tun“, sagt Jens-Paul Wollenberg, der von einem guten Dutzend Stasi-Mitarbeiter bespitzelt wurde. Lothar Rochau, der über einen anderen, besseren Sozialismus „mit menschlichem Antlitz“ ohne autoritäre Vorschriften in Halle-Neustadt diskutieren ließ, wurde kriminalisiert, vor dem obersten Gericht der DDR angeklagt, verurteilt, ins Zuchthaus verfrachtet und 1983 gegen seinen Willen aus der DDR zwangsabgeschoben: „Mir war zum Heulen und ich fühlte mich beschissen.“ Dietmar Nikolai Webel wurde wegen Staatsverleumdung inhaftiert. Friedemann Rösel, der 1981 verhaftet und zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde, hält auch heute noch am Marxismus fest.